Roman

„Das Leben fing im Sommer an“ von Christoph Kramer, erschienen bei KiWi (selbst gekauft, unbezahlte Werbung)

Früher oder später kommt im Leben einiger prominenter Fußballer der Moment, in dem sie den Drang verspüren (oder von Ghostwritern und Verlagen dazu verleitet werden) ein Buch zu verfassen. Bei Christoph Kramer kam dieser Drang sehr früh und ganz anders, als es bei seinen Kollegen sonst der Fall ist. Im Regelfall sind es Biographien, die mal mehr, mal weniger (Neven Subotic) fußballlastig sind und sich um die Höhen und Tiefen der eigenen Karriere drehen.

Bei Christoph Kramer ist das anders — zwar hat „Das Leben fing im Sommer an“ stark autobiografische Züge und natürlich ist auch der jugendliche Chris ein angehender Fußballprofi, aber dies tritt komplett in den Hintergrund. Wer sich hier ein Fußballbuch erhofft, wird enttäuscht — oder doch eher begeistert von dem, was er stattdessen bekommt?

Überrascht sein sollte man eigentlich nicht, denn Chris Kramer ist ja auch kein durchschnittlicher Fußballprofi. Schon während seiner aktiven Karriere ist er neben dem Platz durch Eloquenz und Intelligenz aufgefallen, als er als TV-Experte seine Sicht auf die Dinge kundtat. Angesicht seiner Wortgewandtheit und Schlagfertigkeit kann es daher kaum verwundern, dass er nicht nur gut sprechen, sondern auch gut schreiben kann und das Bedürfnis hat, dies in literarischer Form auszuleben.

Christoph Kramer hat einen hervorragenden Coming-of-Age-Roman vorgelegt, der drei Tage des für ihn lebensverändernden Sommers 2006 beschreibt. In klaren, intensiven Worten und starken Beschreibungen nimmt uns Kramer mit ins heimische Solingen zu seinen Kumpels, in sein Elternhaus und zu Debbie, seiner ersten großen Liebe. Wir erleben diese spannende Zeit der Adoleszenz mit einem ganzen Gefühlscocktail — himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Meine Lieblingsszenen sind, wie Chris im Kino auf Debbie wartet und der Dialog mit der Barkeeperin Celina — ich konnte diese Szenen wirklich fühlen. Und das macht dieses Buch für mich besonders: Anders als zum Beispiel in „Echtzeitalter“ von Toni Schachinger, das immerhin den deutschen Buchpreis gewonnen hat, hat mich „Das Leben fing im Sommer an“ wirklich berührt und in seinen Bann gezogen. „Mittendrin statt nur dabei“ war lange der Slogan eines Sportsenders und auch wenn es fünf Euro ins Phrasenschwein kostet: Das trifft auch auf dieses Buch zu. Ja, ich persönlich fand es besser als Echtzeitalter.

Dass aus dem Sportler Christoph Kramer nicht plötzlich ein der Welt entrückter Literat wurde, merkte man seinen Statements rund um die Veröffentlichung und seine Lesereise in diesem Sommer an: Er machte keinen Hehl daraus, dass Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste sein Ziel war und dass er es gefeiert hat, als er dieses auch erreicht hat. Ob wegen der literarischen Qualität seines Buches (verdient wäre es) oder wegen seiner Popularität, dürfte da zweitrangig sein.

Ich vergebe 4,5/5 Sternen und bin gespannt, ob wir weitere Bücher von ihm zu lesen bekommen. Einen wirklich fiktionalen Stoff von ihm zu lesen, würde mich reizen.

Und um nicht in Lobhudelei zu verharren: Ich durfte ihm bei einer Lesung lauschen und mir wurde schnell klar, wieso Christoph Maria Herbst das Hörbuch eingelesen hat. Kramer kann hervorragend (frei) reden, offensichtlich sehr gut schreiben, aber als Vorleser konnte er nicht überzeugen. Wäre auch zu viel des Guten gewesen…

Klappentext:

Der wärmste Sommer aller Zeiten, die erste große Liebe, eine Nacht, die alles verändert. Christoph Kramers Debüt katapultiert uns zurück in die Zeit im Leben, in der alles möglich schien und in der das größte Glück und die größte Verzweiflung ganz nah beieinanderlagen. Eine wunderbar melancholische Hommage an den Zauber aller Anfänge, die Magie der ersten Liebe und nicht zuletzt an die Freundschaft – die Geschichte eines Sommers, an den man sich immer erinnern wird.

Es ist der Sommer 2006, ein Hitzerekord jagt den nächsten, die Fußballweltmeisterschaft verändert das Land — und für den 15-jährigen Chris verändert sich gerade das ganze Leben. Er verbringt die Abende mit seinen Freunden auf dem Dach der alten Scheune und verschläft die heißen Tage im Freibad.  Er will Fußballprofi werden, aber vor allem will er eins: endlich cool sein. Chris ist ein Teenager wie jeder andere auch, auf der Suche nach sich selbst. Dann passiert das Unfassbare. Debbie, das schönste Mädchen der Schule, interessiert sich ausgerechnet für ihn. Es beginnt eine emotionale Achterbahnfahrt, bei der Chris alles wagt und doch nie vergisst, was wirklich wichtig ist: Freundschaft und die Gewissheit, wirklich gelebt zu haben. Ein nächtlicher Roadtrip mit seinem besten Freund ist da ein guter Anfang …